Marthas Leben

Martha Sucozhañay ist 21 Jahre alt, Sie lebt im Andenhochland in der Provinz Cañar, Ecuador. Ihr Haus ist eine kleine Bauernkate mit zwei Zimmern, einer Küche und einer Latrine. Die Behausung teilt sie sich mit ihren Eltern und Geschwistern sowie Neffen und Nichten. Außerdem befinden sich in der Kate Haustiere (Hühner und Meerschweinchen) die die Bewohner für ihre Nahrung aufziehen. Die Küche enthält die typische Kochstelle, wo das Essen unter Verwendung von Brennholz in Tontöpfen gekocht wird. Die Wohnung hat Lehmboden und es ist zur Regenzeit nicht ungewöhnlich, daß man innerhalb des Hauses auf Schlamm watet. Ihr Wasser trinken die Bewohner aus einem Schlauch, Wasserleitungen gibt es nicht.

Wie fast alle Frauen der Gegend widmet sich Martha der Landarbeit; bereits als kleines Kind begleitete sie bis zu Ihrem 6. Lebensjahr ihre Eltern bei dieser Tätigkeit. Dann ging sie vormittags in die Schule und nachmittags führte sie den Haushalt und hütete ihre kleineren Geschwister. Nachdem sie die Grundschule beendet hatte, verhinderten die wirtschaftlichen Verhältnisse einen weiterführenden Unterricht, den es nur in der Stadt gibt und der Kosten mit sich bringt. So mußte sie mit 12 Jahren anfangen hart zu arbeiten. Folgendes erzählt sie uns: "Ich stehe morgens um 5 Uhr auf, um das Frühstück vorzubereiten (Reis, Nudeln und gekochter Mais) und dann gehe ich zu Fuß los in das Hochgebirge. Dort angekommen beginne ich zu arbeiten: Manchmal jäten wir, manchmal wird der Boden mit den Geräten bearbeitet - egal ob es dort regnet oder die Sonne scheint. Wir arbeiten bis 12 Uhr mittags. Dann gibt man uns zu essen. (Nudelsuppe oder Pasta, reifes Getreide und Reis mit Kartoffeln).Nach dem Essen arbeiten wir weiter bis 17.00 Uhr. Die Rückkehr zieht sich über mehrere Stunden hin. Wir laufen zu Fuß und manches Mal wird es später Abend weil der Ort sehr weit entfernt ist. Wenn wir zu Hause angekommen sind, haben andere Geschwister bereits gekocht und wir essen gegen 20.00 Uhr eine Suppe und gehen schlafen. Für unsere Arbeit erhalten wir 3 oder 4 Dollar am Tag, abhängig davon ob sie schwieriger oder weniger schwierig ist. Die Arbeitszeit geht von Montag bis Samstag."
Ihre Brüder, die das 12. Lebensjahr erreicht haben, begleiten sie, da sie die Arbeit erlernen müssen, während ihre Schwestern zu Hause bleiben und die übrigen kleineren Geschwister und Neffen und Nichten hüten.
Das viele Laufen brachte Martha eine Gesichtslähmung ein, da die Gegend, in der sie lebt und arbeitet, naßkalt ist und die Bewohner keinerlei Schutz verwenden. Dank ihrer Ausbildung zur Gesundheitshelferin des MHE kann sie heute auch mit ihrer eigenen Krankheit besser umgehen. Sie hat gelernt Zusammenhänge zu verstehen.
Die beschriebene Situation hat dazu geführt, daß viele Familienväter und -mütter ihr Heim verlassen haben, um ein besseres Leben in der Stadt oder in anderen Ländern zu suchen und dabei Kinder und Jugendliche allein gelassen haben, die - auf sich selbst gestellt - eine Verantwortung übernehmen , die ihnen nicht zukam und vielfach zu Depressionen geführt hat, die auch in Selbstmord endeten.


gez. Dr. Patrizia Lopez de Buestan